Medien, Wissen > "Integral" (Wilber)
Was heißt integral?
Integral im Sinne Ken Wilbers ist weit mehr als das, was im Allgemeinen "ganzheitlich" oder "systemisch" genannt wird. Kurz gesagt bedeutet es, alle Perspektiven (s.u.) einzunehmen und keine zu bevorzugen. Alles findet Platz in EINEM Bild.
Die verschiedenen, integralen Perspektiven lassen sich in fünf Kategorien gliedern: Quadranten -, Ebenen- (auch Level oder Wellen genant), Linien-, Typ- und Zustands -Perspektiven. Eine gängige Abkürzung ist auch AQAL, die für Alle Quadranten, Alle Level steht.
Ken Wilber, amerikanischer Denker und Philosoph (der sog. "Einstein des Bewusstseins") entwickelte seine Integrale Theorie aus der Hypothese "Alle Theorien der Welt (östliche und westliche) sind richtig, aber nur teilweise" ("true but partial"). Die daraus resultierende Meta-Theorie, die aufzeigt, wie alles zusammenpasst, veröffentlichte er erstmals 1995 in seinem berühmten Werk "Eros, Kosmos, Logos". In den letzten Jahren setzt er sich nun vermehrt für den praktischen Einsatz seiner Erkenntnisse ein. Hierzu schrieb er zunächst vor einigen Jahren das Buch "Ganzheitlich handeln", in dem er seine wichtigsten Ideen (relativ) allgemeinverständlich und in aller Kürze (200 Seiten) darstellt. Weiterhin gründete er zusammen mit einer Reihe von namhaften Fachspezialisten verschiedenster Disziplinen ein Integrales Institut (in Boulder, Colorado, www.integralinstitute.org) und seit diesem Jahr auch eine Integrale Universität.
Mindmap "Integral"
Hier ein kompakter Überblick in Stichworten über die integralen Aspekte:
Quadranten-Perspektiven
Allgemein
Alles Lebendige (z.B. ein Mensch) hat ein "Innen" (subjektiv, erfahrbar) und ein "Außen" (objektiv, sichtbar, messbar) und ist in Systemen (z.B. Umfeld, Familie, Organisationen) eingebunden. Somit entstehen vier unterschiedliche, gleichwichtige Perspektiven, die sich in Form eines Quadrantenbilds strukturieren lassen.
Die Quadranten entstehen durch die Unterteilung in außen (rechte Quadranten) und innen (linke Quadranten) und außerdem in individuell (obere Quadranten) und systemisch (untere Quadranten).
Oder anders gesagt: links sind die subjektiven ICH- und die WIR-Perspektiven und rechts die objektiven ES- und SIE-Perspektiven.
Und aus jeder Sicht sieht die Welt anders aus! Und alle sind gleich wichtig!
Alle Dinge und Ereigniss lassen sich auch "durch die Quadranten" betrachten (das bezeichnet man als Quadrivia-Sichten). Beispiel "Auto": objektiv gesehen hat ES (das Auto) 4 Räder, einen Motor, usw. und ist ein Bestandteil des Verkehrssystems (SIE); ICH finde ein Auto nützlich und bequem; WIR (größtenteils) in Deutschland halten aber ein Auto auch für umweltschädlich.
Quadrantenmodell nach Ken Wilber
Nutzung für soziale Strukturen (Business)
Nutzt man das Modell für soziale Systeme (wie z.B. ein Unternehmen), so zeigen die oberen Quadranten das Innen & Außen der einzelnen Systemelemente (z.B. Mitarbeiter) und die unteren Quadranten das Innen und Außen des Systems (Kultur und funktionale Struktur).
Die linke Grafik zeigt beispielhaft Business-Aspekte aus Sicht der vier Quadranten.
Die meisten Beratungs-/Veränderungsansätze haben in einem der vier Quadranten ihren Schwerpunkt und übersehen (oder vernachlässigen) andere. Da alle Quadranten interagieren und sich miteinander entwickeln (sogenannte "Tetra-Evolution"), müssen alle auch gleichzeitig betrachtet werden.
Quadrantenaspekte im Unternehmen
Vier Business-Perspektiven müssen gleichzeitig beachtet werden
Level (Ebenen), z.B. Spiral Dynamics
Der mentale Bereich (Bewusstsein) durchläuft wie das Äußere (vom Urknall über Atome, Moleküle, Zellen, Organisamen, ....) auch eine Entwicklung, die man in verschiedene Stufen einteilen kann. Viele Forscher haben sich damit beschäftigt (siehe Vergleich) und die Entwicklung in ihren Modellen beschrieben, wie z.B. Maslow (Bedürfnispyramide), Piaget (Kognitionsentwicklung) oder Kohlberg (Moral).
Für den Businessbereich ist das Modell Spiral Dynamics sehr geeignet. Es zeigt die Entwicklung der Werte, die über 8 Stufen (oder auch vMeme = value Meme genannt) zunehmenden Bewusstseins verläuft.
(Ein Folienvortrag zu Spiral Dynamics befindet sich in der Rubrik Downloads.)
Linien (Ströme, Intelligenzen)
Die Entwicklung von Menschen und Systemen erfolgt nicht “einheitlich”, sondern auf verschiedenen Linien oft sehr unterschiedlich (Goleman spricht z.B. von Intelligenzen). So gibt es beispielsweise den hoch-intellektuellen aber sozial-inkompetenten Manager (d.h. die Linie “Kognition” ist weit, die Linie “Soziale Kompetenz” kaum entwickelt) oder es gibt das prozessoptimierte, hochtechnologisierte Unternehmen mit kaum entwickelter zwischenmenschlicher Kommunikation.
Einige wichtige Linien, die im Business, d.h. bei der (Unternehmens-)Führung, der Beratung und beim Coaching, je nach Kontext und Auftrag berücksichtigt werden sollten sind u.a. kognitive Intelligenz, unternehmensspezifische Skills, soziale Kompetenz, Führung(sstile), Organisationsreife und Unternehmenskultur.
Wenn eine wichtige Linie eines Menschen oder eines Unternehmenssystems zu weit "hinterherhinkt", behindert sie die Entwicklung des Menschen (bzw. Systems) insgesamt.
Linien kann ich auch den Quadranten zuordnen. So entsteht z.B. folgendes Bild:
Typ-Perspektiven
Der Einsatz von Typologien, wie MBTI (Myers-Brigss-Typ-Indikator), HDI (Hirndominanz) oder DISG, ist bereits sehr häufig üblich. Wichtig: Typen unterscheiden sich von Entwicklungsebenen, auch wenn für beide Perspektivarten oft Farben verwendet werden! Typen differenzieren AUF EINER Ebene, d.h. der Typ X findet sich auf allen Ebene (in verschiedener „Entwicklungs/Ebenen-Reife“) wieder.Da häufig sowohl für Typ- als auch Ebenen-Modellen Farben verwendet werden, wird dies schnell verwechselt.
Eine einfache, aber bedeutende Unterscheidung ist männlich oder weiblich. Die Sichten auf die Welt sind sehr unterschiedlich. Viele westliche Unternehmen sind insgesamt eher “männlich” (Betonung von Individualität, Power, Wettkampf, ...). D.h. mehr “Weiblichkeit” (Miteinander, Kommunikation, Emotionalität,...) würde solche Unternehmen besser ausbalancieren.
Ziel bei der Nutzung von Typologien ist meist eine passende Balance der verschiedenen Typen zu finden, da das völlige Fehlen einer Typ-Perspektive zu Problemen führen kann.
Ich verwende in der Beratung und im Coaching als Typologie häufig die Metaprogramme, wie z.B. Big-Picture-Denker vs. Detail-Denker, Ziel- vs. Problemorientierung, etc.
Zustands-Perspektiven
Zustands-Perspektiven sind z.B. Wachen, Träumen, Tiefschlaf. In jedem dieser Zustände „sieht die Welt anders aus“ und gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten (wobei nur wenige Menschen die Tiefschlaf-Welt erfahren können).
An Tagen, an denen ich im Zustand (in der Zustands-Perspektive) „gut-drauf“ bin, gelingen mir Handlungen eher und besser und die Welt erscheint mir freundlicher. Durch Kreativzustände werden mehr Ideen kreiiert, durch Alpha-Zustände (Trancen) werden leichter Lösungen gefunden. Daher sind Zustandswechsel (als Selbstmanagement oder als Coaching-Intervention bei anderen) äußerst nützlich und bringen neue Erkenntnisse.
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